KATHARINA SOMMER

KREUZ- UND QUERSTICHE

Künstlerportrait

Die Darmstädter Künstlerin Katharina Sommer bewegt sich mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Fotografie, Textilkunst und malerischer Geste. Sie hat sich über viele Jahre eine unverwechselbare Bildsprache erarbeitet. Im Zentrum ihres Schaffens steht der Mensch – nicht als Individuum alleine, sondern als Träger archetypischer Erfahrungen, die Zeit und Kontext überdauern. Der Umgang mit Stoff, Faden und Oberfläche ist für sie eine künstlerische Form des Denkens: eine taktile Annäherung an Bilder und Geschichte.

Wichtige Bezugspunkte für ihr künstlerisches Schaffen bilden unter anderem die Bildwelten von Andrei Tarkowski – dessen Filme Zeit nicht linear erzählen, die psychologische und existenzielle Tiefe in den Arbeiten von Louise Bourgeois, die eigenwillige Fotografie von Miroslav Tichý sowie die Studien von Karl Blossfeldt, in denen er in Fotos die phantastischen Strukturen der Natur entdeckt: lebendige Verformungen der mathematisch erfassbaren Vorgaben der Natur. Auch die Tänzern und Künstlerin Laura Sheelen beeinflusste in ihren Maskenseminaren ihre künstlerische Entwicklung.

Lange Zeit arbeitete Sommer als Masken– und Performancekünstlerin und entwickelte dabei eine künstlerische Praxis an der Schnittstelle von Körper, Raum und Inszenierung. Ein wesentlicher Bestandteil ihres Schaffens sind Projekte im Spannungsfeld von Kunst und Natur: Besonders hervorzuheben sind ihre internationalen Residencies in China, Korea, der Türkei und Deutschland im Rahmen von GNAP (Global Nomadic Art Project), die ihr Arbeiten im direkten Austausch mit Landschaft und kulturellem Kontext prägten. Ebenso bedeutend sind Formate wie „Vogelfrei”, bei denen Kunst außerhalb klassischer Institutionen erfahrbar wird. Sommer schafft Erfahrungsräume durch Aktionen und Workshops in Privatgärten und auf öffentlichen Plätzen. Im Jahr 2011 folgte schließlich ihre erste Einzelausstellung mit den „Kreuz– und Querstichen” im Frauenmuseum Wiesbaden, die im Folgenden näher beleuchtet werden.

Den Ausgangspunkt ihrer Arbeiten bilden Fotografien aus Familienalben, Flohmarktfunden, Filmstills oder privaten Zusammenhängen. Für Sommer sind sie keine stummen Relikte, sondern offene Erzählräume, die dazu einladen, der Frage nachzugehen, wie Erinnerung ohne Kontext fortbesteht und wie sich dem Anonymen wieder Nähe und Bedeutung einschreiben lässt. Ihre Arbeit beginnt nicht bei der „leeren Leinwand”, sondern in der Begegnung mit gelebter Geschichte und emotionaler Resonanz. Die in den Bildern liegenden Gefühle wirken dabei nicht vergangen, sondern gegenwärtig: Sie verweisen auf eine gemeinsame menschliche Grundlage und auf archetypische Muster, die fortbestehen. Das Archaische erscheint als dauerhafte innere Schicht, die sich durch die Oberfläche des Sichtbaren bemerkbar macht.

Die meist schwarz–weißen Fotografien aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts lässt Sommer auf Stoff drucken und bearbeitet sie anschließend partiell. Die zeitliche Distanz der Fotografien – sichtbar in Kleidung, Haltung oder Bildsprache – eröffnet dabei einen besonderen Zugang: Ohne die Inszenierung heutiger Bildwelten erscheinen die Menschen unmittelbarer und roher. Sommers Eingriffe sind präzise. Mit Nadel und Faden setzt sie Akzente, die das Bild nicht überdecken, sondern durchdringen – oft genügen wenige Stiche, um eine entscheidende Verschiebung zu erzeugen. Der Faden wird zur Verbindungslinie zwischen Zeiten, als Geste zwischen Bewahrung und Transformation. Die Stickerei ist dabei kein dekoratives Element, sondern eine eigenständige Bildsprache: unregelmäßig, suchend, zwischen Zeichnung und Malerei oszillierend. Als Linie, Geste und Spur eines Denk– und Fühlprozesses legt sich der Faden über das Bild, hebt hervor, widerspricht oder irritiert – und erweitert mitunter den Bildraum ins Räumliche. Dazu ergänzend nutzt sie Handdruck, alte Spitzen oder Votive im Arbeitsprozess.

Ein Beispiel hierfür sind die Arbeiten zu den sogenannten „Schleifenmädchen”: ein historisches Porträt junger Mädchen mit Schleifen im Haar, ein dem Gesamtkonzept untergeordnetes und wiederkehrendes Detail. Sommer greift dieses Element auf und betont es durch feine Stickerei. Durch diese minimale Verschiebung tritt das zuvor Nebensächliche in den Vordergrund. Die Schleife wird zum Zeichen – für Individualität, Zuschreibung und gesellschaftliche Prägung – und bleibt zugleich offen für eigene Assoziationen.

ähnlich verfährt sie in anderen Werkgruppen: Ein kaum sichtbarer Faden kann eine Hand umkreisen, eine Geste nachzeichnen oder ein Detail hervorheben. Sie bringen Bewegung in die ursprünglich statische Aufnahme und schaffen eine Spannung zwischen dem dokumentarischen Charakter der Fotografie und der subjektiven Setzung der Künstlerin.

Viele Bilder, die einst Bedeutung trugen, gehen durch Zeit, Krieg oder Vergessen verloren. Sommer arbeitet mit dem, was übrig bleibt, und holt diese Fotografien in die Gegenwart zurück. Indem sie die Bilder „übernäht”, würdigt sie deren Existenz und schafft zugleich eine neue Form von Aufmerksamkeit. Der Faden durchbricht die Stille der Fotografie und stellt eine haptische, beinahe körperliche Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her.

In Serien wie den „Mug Women”, basierend auf historischen Polizeifotografien, setzt sie sich mit weiblichen Biografien und gesellschaftlichen Zuschreibungen auseinander. Durch gezielte Eingriffe verschiebt sich die Wahrnehmung der Porträtierten: Die nüchterne, oft entwürdigende Ausgangssituation wird gebrochen und öffnet Raum für eine neue Lesart, in der Individualität und emotionale Tiefe sichtbar werden. Dabei geht es Sommer nicht um historische Rekonstruktion, sondern um Annäherung – um ein Hineinfühlen und Weiterdenken, in dem Projektion und Empathie eine zentrale Rolle spielen.

Seit über 18 Jahren arbeitet Sommer in diesem Stil. Sie versteht ihre Praxis weniger als textile Handarbeit denn als skulpturale Malerei im erweiterten Sinne – eine Malerei mit Faden, die sich in die Fläche einschreibt und sie zugleich um eine Dimension vergrößert. Es können Vorder– und Rückseiten gleichermaßen einbezogen oder präsentiert werden, wodurch sich Perspektiven verschieben und verborgene Ebenen sichtbar werden. Der Kern ihres Schaffens bleibt trotz der Vielschichtigkeit erkennbar: die Auseinandersetzung mit dem Menschlichen, der Zeit und dem Sein.

Immer wieder nahm die Künstlerin an internationalen Ausstellungen in Japan, Italien, USA und Australien teil. Während der Corona–Zeit entstand für das italienische Online–Journal ArteMorbida ein künstlerisch gestaltetes Video, das Sommers Serie „Kreuz– und Querstiche” filmisch präsentiert. Es verbindet Detailaufnahmen der Arbeiten mit einer ruhigen, reflektierenden Inszenierung und fungiert als digitales Ausstellungsformat, das ihre Werke auch unter pandemiebedingten Einschränkungen zugänglich macht. Zuletzt wurde sie 2023 „International Award of Excellence” in Australien ausgezeichnet. Regional tritt sie durch Ausstellungen und Workshops stetig in Erscheinung.

Vom 22. Mai bis 26. Juni sind ihre Arbeiten dieses Jahr im Weißen Turm in Darmstadt zu sehen. Dort lassen sich diese feinen Verschiebungen und künstlerischen Eingriffe unmittelbar erfahren – als leise, aber nachhaltige Annäherungen an Bilder, die mehr erzählen, als sie auf den ersten Blick preisgeben.

Felicitas Kastner

April 2026